Zu Besuch bei Fremden
Vor einer Woche habe ich zum ersten mal wieder Leute besucht, die zwar von meinen Problemen mit Agoraphobie gehört hatten, aber nur aus zweiter Hand, nämlich durch den Musiker. Besagte Leute, ein Päarchen, sind durchaus nette Leute, die ihrem Freundeskreis engagiert zur Seite stehen. Aber da ich nicht zu ihrem Freundeskreis gehöre, stand es außerhalb jeder Erwartung, dass sie mir in meiner Kriesenzeit Hilfe anbieten, Anrufen oder eine Mail schreiben. Trotzdem bin ich mir sicher, dass sie mir im Notfall geholfen hätten, wenn ich sie expliziet um Hilfe gebeten hätte. Kumpels halt.
Bei meinem Besuch - bei dem es weitestgehend um gemeinsame Hobbies (unsere einzige Verbindung) ging - kam die Sprache nun auch auf mich und meine schwere Zeit. Dabei sind mir zwei Dinge wiederfahren, die mich dann immerhin die ganze Woche nicht los gelassen haben.Zunächst mal dieser Mir-ist-was-ganz-ähnliches-passiert-Zwang. Heutzutage kann niemand (den ich kenne) mehr wirklich zuhören, jedesmal müssen Antworten mit einem eigenen Bezug (oder doch zumindest mit einem Bezug zu anderen Bekannten) gefunden werden.Und als zweites ein Kommentar von der Dame des Hauses: Ist aber immerhin schön zu sehen, dass man in so einer Situation Freunde hat, die sich um einem kümmern. Ich hatte das Bedürfnis, darauf zu antworten, hab das Bedürfnis aber unterdrückt. Sicher, ich hatte meine (zwei) Leute, die für mich einkaufen gegangen sind, Rezepte, Überweisungen und dergleichen zwischen Ärzten und Apotheken transportiert haben. Aber die habe es mir nicht leicht gemacht. Der eine (der bereits vorgestellte Musiker), wohnt recht weit entfernt und ist terminlich eigentlich ausgelastet - auch kann ich mich spontan nicht daran erinner, dass er mich in den 10 Jahren unserer Bekanntschaft jemals von sich aus angerufen hätte. Eine Haltung, die er auch in meiner Kriesenzeit nicht geändert hat. Der zweite, Heinrich (von dem an anderer Stelle ausführlicher zu berichten sein wird) hat grundsätzlich ein Problem damit, Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen und hat es mir sicher auch nicht leicht gemacht. Er wußte, dass er aufgrund seiner räumlichen Nähe zu mir und seiner relativ hohen Freizeit nun mal der war, für den diverse Botendienste mit dem geringsten Aufwand verbunden waren. Das Problem ist, dass er kein gutes Gespür für die Kritikfähigkeit seiner Mitmenschen hat, am wenigsten meine. Er hat nie ein Probleme, sich über etwas zu beschweren. Das führte dazu, dass ich ihn nur im Notfall ansprechen wollte. Letztendlich ist er einmal die Woche für mich einkaufen gegangen. Und in diesem Sommer bedeuteten grade meine Getränkebedürfnisse (obwohl ich gewohnheitsmäßig oft Leitungswasser trinke) eine hohe Traglast. Nicht selten in den 12 Wochen meiner Krise hab ich 'noch einen Tag länger' ausgehalten, bevor ich ihn um einen Einkauf bat. Auch fehlt dem jungen Mann doch sehr stark Eigeninitiative - wenn von meiner Einkaufsliste Artikel nicht vorrätig waren, hat er nie vorgeschlagen, in den kommenden Tagen nochmal oder bei einem anderen Supermarkt vorbei zu schauen. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass es für meine Versorgungssituation förderlich sein würde, ihn durch weitere Forderungen zu verärgern.Ich hatte also insgesamt nicht das Gefühl, Stärke in meinen Freunden zu finden. Meine Hilfsbedürftigkeit hat meine Erwartungen in die Begrenztheit meines sozialen Umfeldes recht deutlich bestätigt. Niemand hat mich im Stich gelassen - aber es ist auch niemand über sich hinaus gewachsen ...
Mein Problem ist nun eigentlich, dass manche Dinge, manche Geschehnisse, Abläufe, Situationen aus meiner Kriesenzeit eigentlich aufgearbeitet werden müssten, mit den Betroffenenbesprochen werden. Das würde aber auch Kritik an meinen Helfern bedeuten. Aus meiner Lage heraus habe ich natürlich auch diverse Fehler gemacht. Manchmal Hilfe als selbsverständlich angesehen. Häufig erst 'in letzter Minute' um Botengänge und Einkäufe gebeten, was dann bei meinem Helfer zu einem unglücklichen Terminplan führte.Und wegen meiner Fehler und der Dankbarkeit glaube ich, nicht in der Lage zu Kritik zu sein. Außer hier vielleicht. oder im Therapeutengespräch.Deswegen habe ich letzte Woche zu dem Thema geschwiegen ...
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